100 Jahre Spvgg Rommelshausen
100 Jahre Sportvereinigung Rommelshausem 100 Jahre Sportvereinigung Rommelshausem
Gesamtverein | Sparten | Personen/Berichte | Zeitgeschichte | Bilder | Impressum |

Personen des Vereinslebens 1993

Die 4. Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Stuttgart


vom 14. bis 22. August 1993

von Günter Haußmann

Die Tätigkeit im Organisationsbüro

Bis zum Jahr 1991 fanden die Leichtathletik-Weltmeisterschaften im 4-jährigen Turnus statt (1983 Helsinki, 1987 Rom, 1991 Tokio). Am 22. August 1991 beschloss der IAAF – Kongress den Turnus zu ändern und alle 2 Jahre Weltmeisterschaften auszutragen. Das IAAF – Präsidium vergab die 4. IAAF – Leichtathletik-Weltmeisterschaften 1993 an den Deutschen Leichtathletik-Verband und der wiederum vergab die Austragung an die Bewerberstadt Stuttgart.

In weniger als zwei Jahren (das Organisationskomitee wurde erst am 04.11.1991 gegründet), also in einer unwahrscheinlich kurzen Zeit, mussten die Weltmeisterschaften organisiert werden. Das war nur möglich, weil auf viele ehemalige Mitarbeiter der Europameisterschaften 1986 in Stuttgart zurückgegriffen werden konnte und die Stuttgarter Messe- und Kongressgesellschaft die Veranstaltung durchführte. Der Chef der Messe- und Kongressgesellschaft, Dr. Rainer-R. Vögele, wurde zum Geschäftsführenden Vize-Präsidenten des Organisationskomitees für die Leichtathletik-Weltmeisterschaften bestellt.

Im neu eingerichteten Organisationsbüro wurde noch weiteres Personal benötigt. Kurz vor dem Ende meiner Bürgermeistertätigkeit in Kernen im Februar 1992 bewarb ich mich als Mitarbeiter im Organisationsbüro. Nach Eintritt in den Ruhestand wollte ich noch etwas tun und als aktiver Leichtathlet hatte ich großes Interesse an den Leichtathletik-Weltmeisterschaften. Am 1. März 1992 begann für mich ein völlig neuer Lebensabschnitt in einem kleinen Büro ohne Sekretärin, ohne Schreibmaschine, aber mit einem PC, von dem ich nicht wusste, wie er zu bedienen war. Mit eisernem Willen ist vieles zu meistern, auch der Umgang mit einem ungewohnten PC, dank eines Kurses bei der Messe.

Ich war gespannt darauf, was mich alles erwarten würde. Im Rückblick muss ich sagen, es war ein sehr interessanter, oft auch hektischer, aufreibender, anstrengender Job, eröffnete mir aber wichtige Einblicke in die verschiedenen Sportorganisationen und ich lernte viele neue Menschen im Sportbereich kennen. Meine Verwaltungserfahrung kam mir sehr zustatten, weil ich viel mit Behörden verhandeln musste. So eine Großveranstaltung zu organisieren ist schon recht spannend, viele Details, viele Mosaiksteinchen und viele kleine Dinge mussten zusammengefügt werden, bis sich das Ereignis immer mehr zu einem Ganzen herausbildete. Wichtig war, den Überblick zu behalten, deswegen fanden auch viele Arbeitssitzungen, Koordinierungsgespräche und wöchentlich feste Besprechungstermine bei Dr. Vögele statt

Je näher der Veranstaltungsbeginn heranrückte, umso größer wurde die Spannung und die Arbeit nervenaufreibend. Für viele Mitarbeiter war dies eine ganz schwierige Zeit, vielen fiel es schwer, die nötige Ruhe, Gelassenheit und das innere Gleichgewicht zu bewahren.


Was hatte ich eigentlich im Organisationsbüro zu tun?

Zunächst war ich mit 20 Stunden pro Woche im Organisationsbüro angestellt. Meine Aufgabengebiete umfassten: Mithilfe bei der Suche nach einem endgültigen Standort für das Athletendorf, Aushandlung von Verträgen mit dem VVS, gesamter Beschaffungsbereich, Terminplanungen, Mithilfe beim Patenschaftsprogramm und bei Sicherheitsfragen, Betreuung des DLV – Jugendlagers, die abschließende Ausarbeitung des Damenprogramms und noch vieles andere mehr. Über Monate hinweg beschäftigte uns sehr intensiv die Suche nach einem Athletendorf, das dann schließlich in Ostfildern-Nellingen gefunden wurde. Möglich wurde die Einrichtung des Athletendorfs in Nellingen durch den Abzug der amerikanischen Streitkräfte aus Europa. Viele Verhandlungen mit der Bundesvermögensverwaltung und dem Bundesfinanzministerium waren notwendig, weil das gesamte Kasernengelände in die Bundesvermögensverwaltung überging. Für 2.500 Sportlerinnen und Sportler aus mehr als 160 Ländern standen 466 große Wohnungen zur Verfügung. Die meisten Wohnungen mussten renoviert oder saniert werden

Ab Februar 1993 übertrug man mir ganz überraschend die Organisation des gesamten Verpflegungsbereichs, der völlig neu vergeben werden musste, weil das seitherige Cateringunternehmen, das für die gesamte Weltmeisterschaft die Verpflegung übernommen hatte, ganz plötzlich aus dem Geschäft ausstieg. So wurde aus der stundenweisen Arbeitszeit mehr als eine volle Mitarbeiterstelle.

Die Weltmeisterschaften selber waren ein voller Erfolg, ein wirklich großartiges, einmaliges Sportereignis mit allergrößter Bedeutung, das man so schnell nicht vergessen wird. Herrliches Sommerwetter wurde den Veranstaltern beschert. Die Stimmung war phantastisch, so denke ich beispielsweise an den Männer-Zehnkampf. Mit welch unglaublicher Begeisterung wurden alle Sportler bei den 10 Disziplinen unterstützt!

Alle Mitarbeiter vom Organisationsbüro waren jeden Tag voll im Einsatz, oft bis zur Erschöpfung, und an jedem Abend nach den Wettkampftagen gab es eine Besprechung, in der kritisch der Tagesablauf beleuchtet wurde.

Am Ende der Weltmeisterschaften waren wir alle sehr stolz, weil der gesamte Ablauf hervorragend geklappt hat und wir viel Lob bekamen. Nachdem das große Ereignis vorüber war, hat uns allen etwas gefehlt. Die Anspannung war weg und es kehrte im Organisationsbüro Ruhe ein. Im November 1993 war alles aufgearbeitet und der Abschlussbericht erstellt, damit endete für mich endgültig der Ausflug in die große Welt des Sports, der mir unvergesslich bleiben wird.

Auch Jochen Haußmann war im Einsatz. Nachdem er bereits bei den Europameisterschaften 1986 mitgeholfen hatte, wurde er als Mannschaftsbetreuer für den Jemen und als Teamleiter für die Mannschaftsbetreuer von 30 Ländern eingesetzt. Seine Tätigkeit spielte sich hauptsächlich im Athletendorf ab.

Das Patenschaftsprogramm

Anlässlich der Leichtathletik-Weltmeisterschaften wurde ein Patenschaftsprogramm ins Leben gerufen, als eindruckvolles Beispiel für die völkerverbindende Funktion des Sports. Das Stuttgarter Patenschaftsprogramm war in der Organisation der Leichtathletik-Weltmeisterschaften etwas bisher Einmaliges: Die Stadt Stuttgart und 30 weitere Städte und Gemeinden in der Region haben für 34 Entwicklungsländer in Afrika, Asien, Lateinamerika, Ozeanien und Osteuropa Patenschaften übernommen. Durch Sportgerätelieferungen in die Partnerschaftsländer wurde die dortige Leichtathletik unterstützt, außerdem wurde durch Trainingsaufenthalte von Athletinnen und Athleten aus diesen Ländern in ihrer Partnerstadt Hilfen in der Vorbereitung auf den Start bei den Weltmeisterschaften gegeben.

Daher trafen schon vor dem offiziellem Beginn der Weltmeisterschaften in Stuttgart Sportlerinnen und Sportler in ihren Partnerstädten ein. Eine optimale Vorbereitung fand dann bei einer „Mini-WM“ („International Partnership-Meeting“) am 7. August 1993 in Weinstadt statt.

Es war ganz selbstverständlich, Zimbabwe wurde Partnerland von Kernen, denn Kernen hat seit 1990 in Zimbabwe eine Partnerstadt, nämlich die Stadt Masvingo, und sonstige gute Beziehungen zu diesem Land.

Sepp und Dorle Halder entschlossen sich mutig, einen Sportler aus Zimbabwe bei sich aufzunehmen. Die Erlebnisse mit dem Gast aus Zimbabwe hat Dorle Halder niedergeschrieben. Diesem Bericht habe ich einiges entnommen:

29. Juli 1993: Alles war gespannt, was die nächsten Tage bringen würden. Es begann damit, dass statt eines Sportlers eine junge Sportlerin als Gast ins Hause Halder kam. Julia Sakala , 24 Jahre alt, Langstrecklerin, aus einer Großfamilie in Harare stammend, ihr Sohn war damals 4 Jahre alt. Zusammen mit Julia reiste auch der Landestrainer von Zimbabwe, Robert Mazauki, und spät am Abend kam auch noch Fabian Mujaba mit dem Fugzeug aus London an. Robert und Fabian sind in einer Wohnung auf der Hangweide untergebracht. Sie wurden oft von Halders mitverpflegt, umsorgt und Dorle Halder übernahm auch das Waschen der Wäsche.

Mit Unterstützung des Rathauses hat Hans Herter dafür gesorgt, dass Kernen die Gäste aus Zimbabwe aufnehmen konnte. Immer und immer wieder interessierten sich die Presse, der Rundfunk und das Fernsehen dafür, wie es mit dem Gast läuft, ob es Probleme gibt und wie so der Tagesablauf aussieht. Probleme gab es überhaupt keine und das sprachliche Problem wurde gelöst. Das Fernsehen drehte sogar einen kleinen Film, der im Containerdorf am Schlossplatz gezeigt wurde. Julia ist Sportlerin aus Leidenschaft und der Sport gab ihr die Möglichkeit, an internationalen Wettkämpfen teilzunehmen. Als Hobby und große Leidenschaft häkelte sie Decken mit den schönsten Mustern und die Familie Halder bekam als Abschiedsgeschenk 7 Decken geschenkt, die sie während ihres Aufenthaltes fertigstellte.

Julia trainierte im St.Rambert-Stadion fast jeden Tag 2 Mal, dann gab es einige Einladungen und Veranstaltungen, die man gemeinsam besuchte. Treffpunkt aller Zimbabwer war das Haldersche Haus und jeden Tag gab es für alle ein gemeinsames Frühstück.

Alles war gespannt, wie die Mini-WM am 7. August 1993 für Julia verlaufen würde. Sie wurde lautstark von Fans aus Rommelshausen beim 3000 m – Lauf angefeuert und sie erreichte einen 3. Platz und hat ihren eigenen Landesrekord gebrochen. Die Fans freuten sich!

Der Aufenthalt der Sportler aus Zimbabwe begann am 29. Juli und endete mit dem Umzug ins Athletendorf nach Ostfildern-Nellingen am 12. August 1993, also 14 interessante und unvergessliche Tage. Da Julia nur Sportsachen dabei hatte und sie so auch reiste, wurde sie kurzerhand frisch eingekleidet, dazu gab’s einen Koffer zum Transport.

Aber noch stand ein großes Ereignis bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften bevor. Julia startete im 10.000 m – Vorlauf , leider erreichte sie zum großen Bedauern von uns allen den Endlauf nicht. Wir hätten ihr so gerne einen weiteren Erfolg gewünscht.

Dorle Halder schreibt in ihrem Bericht, wie schön es war, für wenigstens 14 Tage eine Tochter zu haben, die schon 24 Jahre alt ist und wie schnell in der kurzen Zeit eine Großfamilie entstanden ist, die so vieles gemeinsam unternahm. Wenn es auch viel Arbeit war, jede Minute war kostbar und reich gesegnet. Die Herzlichkeit war überwältigend. Es ist eine Freundschaft mit Julia entstanden, die bis zum heutigen Tag Bestand hat. Julia war darnach noch mehrfach in Kernen zu Besuch. Der große Wunschtraum von Sepp und Dorle, das Land aus dem Julia kommt, zu besuchen, ging in Erfüllung und sie erlebten ein wunderschönes Land bei Reisen in den Jahren 1994 und 1998, also noch zu guten politischen Zeiten, und jedes Mal gab es ein Wiedersehen mit der „Fast“-Tochter Julia.

Auch für Julia ging im Sommer 1993 ein Traum in Erfüllung, einmal der Aufenthalt in Kernen und die Teilnahme an den Weltmeisterschaften in Stuttgart. Ihren großen Wunsch – ein Fahrrädle für ihren kleinen Sohn – erfüllten ihr die Halders zum Abschied.


Siehe dazu auch den Beitrag der Leichtathletikabteilung mit Bildern und Pressemitteilungen.

© Spvgg Rommelshausen 2008 ADMIN top